Haller Häuserlexikon – Besitzerliste 1827

Gelbinger Gasse 79 - ehem. Gastwirtschaft zum "Löwen", heute Pizzeria "Pulcinella"

Adresse: Gelbinger Gasse 79
Primärkatasternummer: 348
Besitzer
Gmelin, Postmeister


Besitzerliste

1712: als Besitzer genannt: Johann Heinrich Bühler, Löwenwirt. Er hat die Wirtschaft 1694 für 1.100 Gulden erworben.

1737: In der Erbteilung nach dem Tod des Johann Heinrich Bühler übernimmt die Tochter Maria Barbara Happold geb. Bühler, Witwe des Johann Heinrich Happold, Wirt zu Braunsbach, die auf 1.500 Gulden veranschlagte Wirtschaft.

1741: Maria Barbara Happold verkauft die Wirtschaft am 2. Mai 1741 für 1.600 Gulden an Maria Margaretha Dietrich, Witwe. Von ihr geht sie an ihren Schwiegersohn Johann Christoph Mittermeyer, Löwenwirt, über.

1759: Verkauft am 16. Januar 1759 für 1.750 Gulden an Georg David Bratz, nunmehriger Löwenwirt.

1767: Verkauft am 10. September 1767 für 1.900 Gulden an Johann Mathes Kern aus Neuenstein, nunmehriger Löwenwirt.

1772: Verkauft am 6. Mai 1772 für 2.200 Gulden an Friedrich Christoph Meisner (auch: Meissner, Meißner), nunmehriger Löwenwirt.

1781: Nach dem Tod des Friedrich Christoph Meisner (27. März 1781) geht der Besitz auf seine Witwe Anna Barbara Meisner geb. Scheppler über.

1782 (?): Die Witwe Anna Barbara Meisner heiratet Johann Georg Leipold, nunmehriger Löwenwirt.

1786: Nach dem Tod der Anna Barbara Leipold verw. Meisner geb. Scheppler geht die Wirtschaft laut Vertrag vom 10. November 1786 an ihren zweiten Ehemann Johann Georg Leipold über. 

1789: Verkauft am 2. November 1789 für 3.300 Gulden an Johann Caspar Glenck, Haalschmied

1790: Verkauft am 2. Mai 1790 für 3.300 Gulden an Georg David Böhm, Bürger und nunmehriger Löwenwirt.

 

1816: Von Georg David Böhm als Heiratsgut an seinen Schwiegersohn Caspar Friedrich Franz Happold gegeben.

1820: Caspar Friedrich Franz Happold, Löwenwirt, verkauft die Wirtschaft am 6. Oktober 1820 für 5.000 Gulden an Postmeister Gmelin von hier.

1827: als Besitzer genannt: Postmeister Gmelin

1847: Oberlen, Friedrich, Postmeister.

1859: Der pensionierte Postmeister Oberlen verkauft an den Ziegler Walther, Ludwig Peter die frühere Post in der Gelbinger Gasse.

Adressbücher:

1886: Haaf Christof, Kaufmann; Rühle Albert, Stadtpfarrers Wwe.

1890: Groß, Adolf, Kaufmann und Konditor (fünf weitere Bewohner, unter diesen ein Freifräulein von Stetten)

1911: Verkauft von Louis Holch als Vormund des wegen Trunksucht entmündigten Adolf Groß, Konditor, für 24.500 Mark an Karl Waldenmaier, Konditor in Hall (39/1875 Schr. 26).

1911-1950: Waldenmaier, Karl, Konditorei und Cafe mit Kolonialwarenhandlung

1956-1976 Pfeiffer & Göhner, Blumen- und Gemüsehandlung

ab 1994: Pulcinella - Pizzeria

Beschreibungen

1717/18: "Eine Würthschafft und Küchen-Gartten, taxirt umb 900 fl ... gültet 4 ß in S. Michaels Pfleeg Vorgelt"

1820: Ein Haus mit darauf ruhender Wirtschaftsgerechtigkeit in der Gelbinger Gasse, neben Fuhrmann Bauer und dem Weg gelegen, gültfrei. Eine Scheuer hinter dem Haus am Gärtle und der Stadtmauer, gültfrei. Eine Stallung zu sechs Pferden an die schon beschriebene Steuer stoßend. Ein kleines Küchengärtle hinterm Haus, gültet wohllöblichem Michaelis - jährlich und das Bollwerk, gültfrei. Dareingaben: Sämtliche im Keller befindliche Faß; alles samt Rechten und Gerchtigkeiten für und um 5000 fl. (19/1005, Nr. 58)

Die Scheuer mit Holzstall darunter und der Stall mit Futterboden werden im Jahr 1820/21 neu erbaut. ( ??Kfb. von 1857-1859)

1827: Wohnhaus mit 21,7 Ruten, Hof 1,9, Remise 5,5 Ruten, Hof hinten am Garten 3,6 Ruten, Scheune 16,3 und 'Gemeinschaftliche Einfahrt mit 26,1 Ruten insgesamt 1/8 Morgen 27,1 Ruten Grundfläche in der Heilbronner Straße

1911: "Wohnhaus mit Wasch- u. Backhaus, Hofraum in der Heilbronnerstr."

Besonderheiten

1909: Ausführliches Inventar der Konditorei des wegen Trunksucht entmündigten Adolf Groß, 37 S. (StadtA Schwäb. Hall 39/1875, Schr. 13)

Biografien von Besitzern und Bewohnern des Hauses

 

Karl Adolf Groß (1892-1955)

Karl Adolf Groß war ein Sohn des Kaufmanns und Konditors Adolf Groß und dessen Ehefrau Marie geb. Walter. Er wurde am 4. Juli 1892 in deren Wohnhaus Gelbinger Gasse 348 (heute Gelbinger Gasse 79) geboren. Die familiären Verhältnisse waren schwierig, die Mutter starb bereits 1898, der Vater wurde 1909 wegen chronischer Trunksucht entmündigt, das Elternhaus 1911 verkauft. Karl Adolf Groß besuchte die Realanstalt in Hall und begann eine Kaufmannslehre, brach diese aber ab, um Missionar zu werden. Er trat in die Basler Mission ein, nahm dann als Soldat am Ersten Weltkrieg teil (u.a. in der Türkei) und studierte evangelische Theologie. Nach Abschluss seines Studiums ging er in den württembergischen Pfarrdienst, kam 1924 als Vikar nach Ilsfeld und erhielt 1928 die Pfarrei Wälde-Winterbach (Dekanat Ravensburg). 1931 musste er das Pfarramt aufgeben und den württembergischen Pfarrdienst verlassen, weil die Kirchengemeinde und auch einige Privatpersonen auf seinen Rat hin Gelder in Aktien angelegt hatten, die dann durch die Weltwirtschaftskrise wertlos wurden. Offizieller Grund für den Amtsverzicht war jedoch seine Homosexualität, die damals im Kirchendienst nicht toleriert wurde. Nach dem von der Kirchenleitung erzwungenen Verzicht auf das Pfarramt ging Groß nach Berlin, wo er als Publizist, Verleger und Herausgeber der Zeitschrift "Der Freie" tätig wurde. Neben einigen eigenen, unter dem Pseudonym "Gotthelf Ekkehardt"  veröffentlichten Büchern (u.a. über seine Kriegserlebnisse und über eine Wanderung nach Rom als Student) verlegte Gross, ein überzeugter Gegner der seit 1933 regierenden Nationalsozialisten, Schriften von Martin Niemöller und anderen Persönlichkeiten der "Bekennenden Kirche". Nachdem ihn die Gestapo bereits zuvor kurzzeitig verhaftet und verhört hatte, war der Druck einer Postkarte mit Zitaten Niemöllers Anlass zu einer erneuten Festnahme am 22. August 1939 und einer Einlieferung in das KZ Sachsenhausen. Von hier aus kam Gross 1940 in das KZ Dachau, wo er bis zur Befreiung durch US-Soldaten 1945 in Haft blieb. Nach dem Kriegsende ließ sich Gross in München nieder, wo er den "Neubau-Verlag" gründete und u.a. seine Erinnerungen an die Haft in Dachau auf Grundlage eines heimlich geführten Tagebuchs veröffentlichte. Ein Schwerpunkt des Verlagsprogramms waren Publikationen aus Kreisen der Bekennenden Kirche. Der Verlag musste 1955 Insolvenz anmelden. Karl Adolf Gross starb am 16. Februar 1955 in München an den gesundheitlichen Folgen seiner KZ-Haft.

Quellen

Archivalien:

 

  • StadtA Schwäb. Hall 4/1544 (Unterpfandsprotokoll), Bl. 624ff; 4/1545 (Häuserbuch 1712), S. 250; 4/1547 (Häuserbuch 1767), S. 237; 4/1547a (Häuserbuch 1782), S. 421; 19/829 (Güterbuch 4), S. 245; 19/1005 (Kaufbuch 1820), Nr. 58; 39/1875 (Vormundschaft für den wegen Trunksucht entmündigten Adolf Groß, 1908-1912)

Literatur:

  • Adressbücher 1886-1994
  • Karl Adolf Groß: Zweitausend Tage Dachau. Herausgegeben von Wolfgang Schöllkopf, Schwäbisch Hall 2020
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Sonstiges:

  • Art. Gross, Karl Adolf, bei Exilarchiv.de (http://www.exilarchiv.de/DE/index.php?option=com_content&view=article&id=462%3Agross-karl-adolf&catid=24&lang=de)
  • Mitteilungen von Herrn Pfarrer i.R. Thilo Dinkel, Kirchheim, zu K.A. Gross