Haller Häuserlexikon – Besitzerliste 1827

Klosterstraße 8 - Löchnerhaus: Haller Halle und Haller Bock

Adresse: Klosterstraße 8
Primärkatasternummer: 26
Besitzer
Fritzlin, Johann David, Oberamtsgerichtsbeisitzer


Besitzerliste

Erster bekannter Besitzer des Hauses war wahrscheinlich der Tuchscherer Jörg Finsterbach bzw. dessen Witwe und Kinder. Am 8. Mai 1506 verkauften Barbara Finsterbach, die Witwe des Jörg Finsterbach, und ihre Söhne Caspar, Melchior und Balthasar sowie die Töchter Dorothea und Elsa ein Haus an der Pfarrgasse an Barbara Baumeister, deren Sohn Hans und dessen Geschwister, "die mit ihm von einem Vater geboren sein".

Barbara Baumeister war die Köchin und Geliebte des Priesters und Dekans Jakob Fabri, der vermutlich der eigentliche Käufer des Hauses war. Fabri - Vater mehrerer Kinder von Barbara Baumeister - hatte 1505 aus dem Testament des Haller Stadtadeligen Ulrich von Münkheim ein Legat von 200 Gulden erhalten.  Er starb 1533, ohne seine "Konkubine" geheiratet zu haben. Diese versteuerte 1541 ein - nicht unbeträchtliches - Vermögen von 1.000 Gulden und starb um 1553. Einer oder mehrere der zahlreichen Nachfahren Fabris dürfte das Haus verkauft haben.

Nächster bekannter Besitzer des Hauses war der aus Reutlingen stammende Kanzleibeamte Marx Astfalk. Er verkaufte das Haus 1599 für 1.100 Gulden an den Juristen Johann Georg Löchner, der offenbar zuvor bereits in Miete im Haus gewohnt hat. Er hatte ab 1606 das Amt eines Stadtschreibers inne.

Wahrscheinlich als Erbschaft kam es nach dem Tod von Johann Georg Löchner (1636) an dessen 1595 geborene Tochter Anna Maria und deren Ehemann Johann Glock, dem der Rat nach dem Tod seines Schwiegervaters das Stadtschreiberamt übertrug. Glock starb jedoch bereits 1637 kinderlos.

Die Witwe Anna Maria Glock lebte noch 13 Jahre in dem mittlerweile baufälligen Haus, bis ihre Erben es nach ihrem Tod 1652 an den Chirurgen und Barbier Jakob Sebastian Cammerer verkauften. Cammerer war in zahlreiche Streitigkeiten mit seinen Nachbarn, insbesondere dem Stadtphysikus Dr. Osiander verwickelt. Er starb 1673, seine dritte Ehefrau und Witwe Anna Susanna geb. Beer lebte noch bis 1683.

Nach dem Brand der Gelbinger Gasse 1680 diente das nun sehr zerfallene Haus als Ausweichquartier für die Druckerei des Hans Laidig, der durch das Unglück seine bisherige Werkstatt am Josenturm verloren hatte. Nach langer Suche fand die Stadt 1685 mit dem Arzt Dr. Johann Feyerabend einen Käufer, der das Gebäude für 700 Gulden übernahm. Die Stadt musste auf eigene Kosten die baufällige Säule in der "Tenne" (Eingangshalle im Erdgeschoss) reparieren lassen. Feyerabend ließ vermutlich umfangreiche Reparaturen ausführen, u.a. ist von einem Saal und einem Bibliotheksstüblein die Rede. Feyerabend scheint einen umfangreichen Weinhandel betrieben zu haben, denn in den Kellern lagerte bei seinem Tod Wein im Wert von fast 4.000 Gulden.

Die Gläubiger des 1703 verstorbenen Arztes verkauften das Haus 1705 für 1.900 Gulden an die aus Straßburg stammende Margaretha Strobel, die Witwe des Apothekers Johann Engelhard Strobel. In dritter Ehe heiratete sie den Chirurgen Johann Melchior Hirsch, der aber bereits 1713 starb.

Unter Beibehalt eines lebenslänglichen Wohnrechts für sich und ihre Magd im mittleren Stock verkaufte Margaretha Hirsch das Haus 1730 (drei Jahre vor ihrem Tod 1733) für 1.900 Gulden an den Ratskonsulenten und späteren Stättmeister Johann Friedrich Bonhöffer, der im Nebenhaus wohnte.

Bonhöffer scheint sich rasch wieder von dem Haus getrennt zu haben, denn 1736 war der Ratsherr und Kastenpfleger Johann Christoph Hezel Besitzer. Nach seinem Tod 1755 kam das Gebäude an den Sohn Johann Gottfried Hezel.

Dieser verkaufte es 1775 für 2.000 Gulden an den Ratskonsulenten und späteren Ratsherrn Dr. jur. Friedrich Lorenz Wilhelm Mejer. Dieser starb 1786, seine Witwe Maria Katharina Rosina geb. Bonhöffer lebte bis 1799. Das Haus ging wohl als Erbe an Mejers Tochter Anna Elisabetha, die 1796 den Steuereinnehmer Johann Friedrich Löchner heiratete und bereits 1801 starb. Löchner hat das Haus offenbar grundlegend renovieren und auch das Familienwappen über der Haustür anbringen lassen. Die Bezeichnung "Löchnerhaus" verweist auf ihn. Auch Löchner hat die großen Keller für eine Nebentätigkeit als Weinhändler genutzt.

Aus der "Gantmasse" (= Konkursmasse) des 1808 verstorbenen Löchner erwarb der Rößleswirt David Peter Frizlin das Gebäude 1815 für 3.850 Gulden.  Er hatte es bis zu seinem Tod 1838 inne, noch im selben Jahr verkauften es seine  Erben für 3.300 Gulden an den Werkmeister Georg Andreas Kolb jun.

Auch Kolb geriet in finanzielle Probleme, weshalb sein Besitz 1856 versteigert wurde. Zusammen mit einem Hausanteil in der Pfarrgasse erwarb es der Bäckermeister Johann Jakob Kübler für für 2.500 Gulden. Nach Küblers Tod verkauften seine Erben das Haus für 4.600 Gulden an den jüdischen Kronenwirt Jakob Reiß und seine Frau Nanette geb. Strauß. Jakob Reiß starb 1902, woraufhin das Eigentum an seine Kinder fiel.

Nach dem frühen Tod von Hermine und Hermann Reiß, der hier eine Buchbinderei betrieben hatte, waren Berta und ihre Geschwister Friederike und Max Eigentümer. Die Geschwister wurden 1942 gezwungen, ihre Hausanteile für insgesamt 16.000 Reichsmark an die Stadt Schwäbisch Hall zu verkaufen (s. unter "Besonderheiten") und wurden kurz darauf in den Osten deportiert. Berta und Friederike starben in Theresienstadt, Max wurde im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Einen kleinen Anteil von 2/18 am Haus, der je zur Hälfte Bertas Geschwistern Karoline Wertheimer geb. Reiß und Therese Pfeiffer geb. Reiß gehört hatte, war 1941 durch das Reich beschlagnahmt worden. Letzte Besitzerin zumindest eines Halbteils dieser 2/18 scheint Klara Pfeiffer gewesen zu sein, eine in den Osten deportierte  Tochter von Therese Pfeiffer. 

Ein Teil der Eigentumsrechte am Haus - darunter der 1941/42 vom Reich beschlagnahmte Anteil - wurde 1950 und 1952 zur Absicherung von Entschädigungsforderungen an die "Jewish Restitution Successor Organization" in New York übertragen. In zwei Käufen 1951 und 1952 erwarb die Stadt diese Anteile für insgesamt 19.580 DM und setzte sich damit in den alleinigen Besitz des "Löchnerhauses". 

In den Adressbüchern genannte Bewohner

1886: als Besitzer genannt: Jakob Reiß, Handelsmann
Mieter / Mitbewohner: Magdalene Strauß, Witwe

1890: als Besitzer genannt: Jakob Reiß, Handelsmann
Mieter / Mitbewohner: Magdalene Strauß, Witwe

1894: als Besitzer genannt: Jakob Reiß, Handelsmann
Mieter / Mitbewohner: Titus Kneer, Amtsgerichtsschreiber

1901: als Besitzer genannt: Jakob Reiß, Privatier
Mieter / Mitbewohner: Friederike Strauß; Pauline Leiensetter, Kaufmanns Witwe; Hermann Reiß, Buchbinder

1906: als Besitzer genannt: Geschwister Reiß
Mieter / Mitbewohner: Pauline Leiensetter,  Witwe; Hermann Reiß, Buchbinder; Friederike Strauß

1910: als Besitzer genannt: Hermann Reiß, Buchbinder; Berta Reiß, Privatiere
Mieter / Mitbewohner: Pauline Leiensetter, Kaufmanns Witwe; Friederike Strauß

1920: als Besitzer genannt: Berta Reiß, Privatierin
Mieter / Mitbewohner: Friederike Strauß, Privatierin; Abraham Pfeiffer, Viehhändler

1928: als Besitzer genannt: Jakob Reiß' Erben
Mieter / Mitbewohner: Lederlager von M. Pfeiffer; Abraham Pfeiffer, Viehhänder; Maier Pfeiffer, Lederhandlung; Berta Reiß, Rentnerin; Karl Dannemann, Sparkassenbeamter

1932: als Besitzer genannt: Jakob Reiß' Erben
Mieter / Mitbewohner: Lederlager von M. Pfeiffer; Abraham Pfeiffer, Viehhänder; Maier Pfeiffer, Lederhandlung; Berta Reiß, Rentnerin; Eugen Setz, Versicherungsinspektor

1938: als Besitzer genannt: - [Geschwister Reiß]
Mieter / Mitbewohner: Abraham Pfeiffer, Viehhändler; Karoline Pfeiffer; Maier Pfeiffer, Viehhändler; Berta Reiß, Kleinrentnerin; Friedrich Rückert, Schuhmacher

1956: als Besitzer genannt: - [Städtisches Gebäude]
Mieter / Mitbewohner: Polstermöbelfabrikation Stark & Co., KG Anita Kopp, Postfacharbeiterin; Emma Kopp, Hausfrau; Wilhelm Kopp, Schriftsetzer; Josef Kutschera, Schuhmacher; Minna Kutschera, Hausfrau

Haustafel

Selbst für Laien ist schon von außen zu erkennen, dass sich hinter der zurückhaltenden Putzfassade ein geschichtsträchtiges Haus verbergen muss. Eindrucksvoll erzählt die große Halle im Erdgeschoss von früheren Lebenswelten. Eine einzige Holzstütze, der Bock, trägt über einen Fächer aus Kopfstreben die gesamte Last des Hauses.

Befunde aus Bauforschung

Nach neuen Untersuchungen datieren die Hölzer im Dachstuhl von 1414/1415 (Gerd Schäfer).

Ein im Bauhof eingelagerter Balken wurde dendrochronlogisch auf um 1460 bis 1470 datiert. Weitere Datierungen auf nach 1507 (Stützbalken aus dem 1. OG)  und nach 1565. (Stütze im Zwischengeschoss) verweisen wahrscheinlich auf Reparaturen oder Umbauten (BF Lohrum/Bleyer, Auskunft A. Bedal)

Aufwendig konstruierte, an der Basis 56 cm starke Mittelsäule mit Balkenauflagen im Erdgeschoss, Säule datiert auf "168.." (letzte Zahl unleserlich - Verweis auf Reparatur um 1685, vgl. Besitzergeschichte). Das hier vorliegende Bockgerüst trägt zwei Mitellängsträger und die beiden Querträger und damit die gesamten Lasten der Hausmitte bis zum Dach. Deckenkonstruktion aus vier Unterzügen mit ca. 15 m, 32 cm über die Hauswand herausragend. Gebälk in Querrichtung mit 33 cm Überstand zur Traufe. Alle Verbindungen verblattet und mit Holznägeln gesichert. Stehender Dachstuhl mit vier Stockwerken und zusätzlichem Hahnengebälk. Stuhlsäulen mit Kopfbändern verstrebt. Fassade wurde im 18. Jh. erneuert, dabei baute man sie ab dem 3. Obergeschoss glatt übereinander ohne Überstand. Stuckdecke des 18. Jh. im 1. Obergeschoss.

Die Keller (ein großer und darüber liegend zwei kleinere Gewölbekeller) wurden auf das 13./14. bis 15. Jahrhundert datiert. Die Stichhaltigkeit dieser Datierungen ist jedoch umstritten. Es wird vermutet, dass die Kellermauern auf eine Großparzelle des frühen Mittelalters hinweisen.(vgl. BF 1223, 137 u. Datenbank Bauforschung Baden-Württemberg). (Anm.: Der unterste Keller wird hier fälschlicherweise mit einer Stadtrechtsverleihung 1280 in Verbindung gebracht. Schwäbisch Hall wird jedoch bereits 1204 erstmals als Stadt bezeichnet, ohne dass eine formelle Stadtrechtsverleihung nachweisbar ist. Offenbar liegt hier eine Verwechslung mit dem "Wiener Schiedsspruch" von 1280 vor, der den Weg zum Status als Reichsstadt freimachte.)

Befunde aus Bauakten

Bauakten zum Haus liegen in der Registratur des Baurechtsamts nicht vor.

2011: Beginn umfangreicher Umbauarbeiten. In das Haus werden in Trockenbauweise 10 Wohneinheiten eingebaut, die v.a. für Studenten des Campus Hall der Hochschule Heilbronn gedacht sind. Die GWG als Eigentümer des Hauses investiert rund 300.000 EUR. Der Abschluss der Arbeiten ist für September geplant (HT).

Beschreibungen

1827: Wohnhaus mit 18,6 Ruten, Holzremise 3,8 und Hof 4,1 Ruten, insgesamt 26,5 Ruten In der Pfarrgasse

Ehem. Kornspeicher, dann Wohnhaus der Stättmeister, verputzter Fachwerkbau, 15. Jh., Umbauten im Barock. Eingetragen in das Landesverzeichnis der Baudenkmale in Württemberg seit 08. Oktober 1925. (StadtA Schwäb. Hall: Liste der Kulturdenkmale Stadt Schwäb. Hall, Stand 10/1982, S. 272).
Anm.: Die Vermutung, es habe sich um einen ehemaligen Kornspeicher und ein späteres Stättmeisterhaus gehandelt, ist falsch, s. Besitzergeschichte.

 

Klosterstraße 8 (Flst.Nr. 0-31). Sog. Städtmeister-Haus. Ehem. Kornspeicher, dann Wohnhaus der Städtmeister, verputzter Fachwerkbau, Bohlendecke. 15. Jahrhundert, Umbauten im Barock. § 28. (aus: Liste der Kulturdenkmale in Baden-Württemberg, Stadt Schwäbisch Hall, Stand 13.11.2013)

Besonderheiten

Das Löchnerhaus als "Judenhaus" wärend der NS-Zeit

Während der Zeit des Nationalsozialismus diente das "Löchnerhaus" wenn nicht offiziell, so doch de facto als "Judenhaus". Während andernorts jüdische Bürgerinnen und Bürger gezielt in einzelnen Häusern untergebracht wurden, um ihre Deportierung in die Vernichtungslager Osteuropas zu erleichtern, scheint sich diese Funktion in gewisser Weise von selbst ergeben zu haben, da das Haus in jüdischem Besitz war und es für Juden immer schwerer wurde, "arische" Vermieter zu finden.

Eine Eigentümerin von zwei Dritteln des Hauses war Berta Reiß (1869-1942), Tochter des Kronenwirts Jacob Reiß, die hier zurückgezogen und - seit dem Verlust des elterlichen Vermögens in der Inflation 1923 - in ärmlichen Verhältnissen lebte. Ihre Geschwister und Miteigentümer des Hauses, Friederike und Max lebten mit ihren Ehepartnern andernorts, während der Schwager Abraham Pfeiffer (1850-1939, er hatte die 1923 gestorbene Therese Reiß geheiratet) und seine beiden ledigen Kinder Karoline (1891-?) und Meier (1888-?) im Haus wohnten. Abraham Pfeiffer gab seinen Beruf als Viehhändler 1935 altershalber  auf, Meier betrieb seit 1923 einen Lederhandel. Während der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 verwüsteten NS-Schläger sein Geschäft und seine Privatwohnung, zerschlugen Fensterscheiben und warfen Teile der Ausstattung auf die Straße. Auf  31. Dezember 1938 musste Meier Pfeiffer sein Gewerbe einstellen.

Die Kontakte zu den "arischen" Mietern im Haus zerbrachen unter dem Druck der antisemitischen Hetze. Zur Bezahlung der sogenannten "Judenvermögensabgabe" musste Berta Reiß zwei Hypotheken über zusammen 3.750 RM auf das Haus eintragen lassen. Ihre wenigen wertvollen Habseligkeiten hatte sie an die städtische Pfandleihanstalt Stuttgart abzugeben, das Geld kam auf ein Sperrkonto, auf das sie selbst keinen Zugriff hatte.

Zeitweilige Bewohner waren Josef Pfeiffer (1868-1941) und seine Frau Klara geb. Künstler (1874-1957), deren Metzgerei und Gastwirtschaft in der Schwatzbühlgasse 11 ebenfalls 1938 verwüstet worden war. Sie hatten daraufhin ihr Geschäft geschlossen und das Haus verkauft und waren in die Klosterstraße 8 gezogen. Im Oktober und November 1939 lebte bei ihnen auch Klaras Schwester Sara Stein (1869-1940). Josef und Klara Pfeiffer konnten am 1. April 1940 Schwäbisch Hall verlassen und zu ihren Kindern in die USA reisen, Sara Stein starb 1940 im jüdische Altersheim in Herrlingen. Als die badische Stadt Breisach nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wegen der Nähe zu Frankreich evakuiert wurde, kam Korina Breisacher (1885-1940) vom 9. September 1939 bis zum 28. März 1940 im "Löchnerhaus" unter. Aus Schwäbisch Hall kam sie in das Psychiatrische Krankenhaus Zwiefalten und wurde von dort aus im Rahmen der sogenannten "Aktion T4" ("Euthanasie") in die Mordanstalt Grafeneck gebracht und ermordet. Im Oktober 1940 kam noch Lina Obenheimer (1870-1944) zu den Bewohnern des Hauses hinzu. Die Witwe eines Kaufmanns war auf Anweisung von Bürgermeister Prinzing aus ihrer Wohnung in der Gelbinger Gasse 42 vertrieben worden, weil man dort städtische Beamte und Angestellte unterbringen wollte.

Abraham Pfeiffer starb im Oktober 1939, die verbliebenen jüdischen Bewohner des Hauses, denen die Auswanderung nicht gelungen war  - Berta Reiß, Karoline und Meier Pfeiffer, Lina Obenheimer - mussten nun die schlimmste Stufe des NS-Terrors erleben. Maier Pfeiffer und Karoline Pfeiffer wurden am 1. Dezember 1941 über Stuttgart in das Konzentrationslager Riga deportiert, wo sie verschollen sind. Berta Reiß und ihre Geschwister mussten am 12. Februar 1942 ihre Hausanteile an die Stadt Schwäbisch Hall verkaufen. Was von dem Geld nach Bezahlung diverser Abzüge u.a. für die aus den "Judenvermögensabgaben" resultierenden Hypotheken übrig blieb, kam auf das bereits erwähnte Sperrkonto, das nach der Deportation durch den NS-Staat beschlagnahmt wurde.
Wenige Tage später, am 17. Februar, kam Berta Reiß in das "Jüdische Altersheim" in Eschenau, von dort am 22. August nach Theresienstadt, wo sie am 17. Dezember 1942 starb. Auch ihre Schwester Friederike, deren Ehemann Aaron Kern sowie ihre Schwägerin Rosalie Reiß geb. Fried kamen in Theresienstadt ums Leben, ihren Bruder Max ermordete die SS in Treblinka. Lina Obenheimer verließ das "Löchnerhaus" im Mai 1942. Sie wohne kurzzeitig bei ihrem Sohn Emil in Heilbronn, der aufgrund einer Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg nicht hatte auswandern können, und kam mit diesem am 22. August 1942 nach Theresienstadt. Von dort wurden sie am 16. Mai 1944 nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Luftschutzkeller aus dem Zweiten Weltkrieg

Der untere Keller wurde im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzkeller genutzt, nicht nur für die Bewohner des Hauses, sondern auch für die Schüler und Lehrer der nahe gelegenen Mergenthaler-Oberschule (Gymnasium bei St. Michael, Gymnasiumstraße 2). Da der Keller seitdem nicht mehr genutzt wird, haben sich die Umbauten aus dieser Zeit erhalten. Man verstärkte ihn damals durch zusätzlich eingezogene Wände sowie Säulen. Diese Einbauten sind aufgrund ihrer Bauweise aus Ziegelsteinen leicht von der älteren Bausubstanz zu unterscheiden. Aus dem Krieg stammen auch zwei eisenbeschlagene Luftschutztüren. Eine davon hängt am Eingang noch in den Angeln, eine weitere liegt auf dem Boden. Sie sollten die Insassen des Kellers vor Trümmern des Hauses und vor Feuer schützen. Ein kleiner, abgeteilter  Einbau diente als Latrine. Sichtbar ist auch ein wieder zugemauerter Tunnel, der unter der Pfarrgasse hindurch in den Keller des Nachbarhauses Klosterstraße 9  führte. Bei einem Brand des Hauses oder bei einer Verschüttung der Kellertreppe hätten die Insassen hier entkommen können. Dass derartige Keller keinen wirklichen Schutz bei einem Flächenbomardement boten, zeigen die katastrophalen Folgen des großen Luftangriffs vom 4. Dezember 1944 auf Heilbronn, bei dem etwa 6.500 Menschen ihr Leben verloren. Viele Opfer starben hier in den Kellern an Kohlenmonoxidvergiftungen. 

Quellen

Archivalien:

  •  StadtA SHA 4/790, fol. 161V-162R; 35/18189 (evtl. Verkauf des Hauses mit Hinweisen zu Entschädigungszahlungen)
  • Staatsarchiv Ludwigsburg
  • Notariat Schwäbisch Hall (Käufe durch die Stadt 1942, 1950/52)

Literatur:

  • Adressbücher 1886-1956
  • Elke Däuber, Andreas Maisch: Geachtet - Ausgegrenzt - Verfolgt. Jüdische Einwohner in Schwäbisch Hall 1933-1943 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Hall; H. 24), Schwäbisch Hall 2008, S. 133-134
  • Mayer: Alte Bürgerhäuser in Schwäbisch Hall: Das Haus Klosterstraße 8, in: Der Haalquell 29 (1977), S. 1-3
  • Daniel Stihler: Berta Reiß muss sich einen Platz im Altersheim kaufen, in: Edith Amthor u.a.: Jüdisches Leben in Schwäbisch Hall. Von 1933 bis zur Gegenwart (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Hall; H. 22), Schwäbisch Hall 2004, S. 22f
  • Kuno Ulshöfer: Das Löchnerhaus in Schwäbisch Hall. Die Geschichte des Gebäudes Klosterstraße 8 und seiner Bewohner, in: Der Haalquell 30 (1978), S. 41-43, 45-47
  • Tobias Würth: Löchnerhaus wieder genutzt. GWG baut historisches Gebäude um - Für zehn Studenten entsteht Wohnraum, in: Haller Tagblatt v. 25.06.2011, S. 17.