Haller Häuserlexikon – Primärkataster-Nr.

Unterlimpurger Straße 62 - hinterer Teil der ehem. "Schauenburg", danach Kindergarten, heute Wohnhaus

Adresse: Unterlimpurger Straße 62
Primärkatasternummer: 131
Besitzer
Vogel, Jacob Michael; Rößler, Johann Andreas


Besitzerliste

1827: Vogel, Jacob Michael, zu 1/2; Rößler, Johann Andreas, Schumacher, zu 1/2

1886: Als Besitzer genannt: Georg Stephan, Viehhalter (Anschrift: "Unterlimburgerstr. 131")

1890: Als Besitzer genannt: Georg Stephan jun., Viehhalter
Mieter/Mitbewohner: Georg Stephan sen., Viehhalter

1894: Als Besitzer genannt: Georg Stephan jun., Viehhalter
Mieter/Mitbewohner: Georg Stephan sen., Viehhalter

1901: Als Besitzer genannt: Georg Stephan jun., Viehhalter
Mieter/Mitbewohner: Rosine Stephan, Viehhalters Witwe; Katharine Wieland, Viehhalters Witwe

1906: Als Besitzer genannt: Georg Stephan, Ökonom

1910: Als Besitzer genannt: Georg Stephan, Viehhalter

1920: Als Besitzer genannt: Georg Stephan, Viehhalter

1928: Als Besitzer genannt: Hospitalverwaltung
Mieter/Mitbewohner: Karl Blank, Landwirt

1932: Als Besitzer genannt: Hospitalverwaltung
Mieter/Mitbewohner: Karl Blank, Landwirt

1938: Als Besitzer genannt: Hospitalverwaltung
Mieter/Mitbewohner: Karl Blank, Landwirt

1956: Als Besitzer genannt: Hospitalverwaltung
Mieter/Mitbewohner: Friedrich Bernhardt, Rentner; Luise Bernhardt, Hausfrau; Rösle Burk, Sortiererin; Georg Gerold, Melker; Maria Gerold, Händlerin; Johanna Köder, Hausfrau; Matthäus Köder, Hilfsarbeiter; Hermann Köhler, Arbeiter; Matholde Köhler, Hausfrau; Petronilla Oelke, Hausfrau; Robert Oelke, Arbeiter; Eugen Pfisterer, Hilfsarbeiter; Gustav Pfisterer, Hilfsarbeiter; Otto Wirth, Kraftfahrer

Befunde aus Bauforschung

Spätmittelalterliches Fachwerk mit ein- und überblatteten Steigbändern, ca. 1450-1500 (Auskunft Hr. Bedal anhand Fotos vom Abbruch).

Befunde aus Bauakten

1872: Der Viehhalter Georg Stephan lässt eine neue Scheuer an Stelle eines Viehstalls hinten an sein Haus anbauen.

1896: Neubau eines baufälligen Stalls hinten am Haus.

1963: Antrag auf Abbruch wegen Baufälligkeit und unzumutbaren sanitären Zuständen durch die Stiftung Hospital zum Heiligen Geist.

1964: Abbruch des alten Wohnhauses und der Nebengebäude.

1964: Die Planungen für einen Kindergarten werden fallengelassen. Stattdessen gibt es Überlegungen zum Bau eines Altenheims oder Hotels, auch eine Nutzung als Parkplatz wird erwogen. Pläne des Hochbauamts von 1962 werden jedoch nicht umgesetzt.

1967: Erstellung eines Kindergartens als Massiv-Fertigbau mit Flachdach durch die Stiftung Hospital zum Heiligen Geist

1990: Einbau einer Küche in den Kindergarten.

2004: Abbruch des Kindergartens.

2006: Übergabe eines durch die GWG erstellten Achtfamilienhauses auf dem Grundstück im Dezember 2006. Bei den Bauarbeiten wurden auf dem Gelände zwar alte Ziegelsteine, aber keine zusammenhängenden Reste der Schauenburg oder ihrer Keller entdeckt.

Beschreibungen

1827: Wohnhaus mit 12 Ruten, Scheune 6,6 und Hof 14,4, insgesamt 33 Ruten Grundfläche

1963: „Das Gebäude Unterlimpurger Str., Nr. 62 besteht aus einem Wohngebäude mit Scheuer und früherem Stall. Die Gebäude sind baufällig, insbesondere haben die Hölzer einen starken Hausbockbefall. Die sanitäre Einrichtung ist völlig unzulänglich. Eine Instandsetzung ist wirtschaftlich nicht zu vertreten. Das Gebäude sollte aus den oben genannten Gründen abgebrochen werden“. (27/316, Schr. v. 17.12.1963)

1964: „Es ist beabsichtigt das Gebäude aus folgenden Gründen abzubrechen: Das Wohnhaus befindet sich in einem sehr schlechten baulichen Zustand. Wegen hygienischen und unzureichenden sanitären Einrichtungen genügt das Wohnhaus nach seiner Beschaffenheit nicht mehr den allgemeinen Anforderungen für eine zumutbare Wohnung. Es hat schon öfters Beanstandungen von Bürgern und Nachbarn über den Zustand des Hauses gegeben.“ (27/316, Schr. v. 21.11.1963)

Die „Schauenburg“

Nach derzeitigem Stand ist die Bezeichnung der beiden aneinandergebauten Häuser Unterlimpurger Straße 62 und 64 als „Schauenburg“ erst im 20. Jahrhundert entstanden. Ausgangsbasis dafür waren in der Mitte des 16. Jahrhunderts entstandenen Berichte der beiden Haller Chronisten Johann Herolt und Georg Widman. Beide erzählen, die adelige Familie von Schauenburg habe „ihr Behauszung under Limpurg vor der Pfarrkirchen über die Gaszen liegend gehabt“ (Widman, S. 62). Daraus hat man geschlossen, diese Behausung müsse der namensgebende, ursprüngliche Wohnsitz der Familie gewesen sein. Angeblich soll das Haus bei der Abtrennung der Marienkirche in Unterlimpurg (heute St. Urban) von der Pfarrei Steinbach im Jahr 1283 als Pfarrhaus gestiftet worden sein, doch muss dies wohl dem Bereich der Legende zugeordet werden, da die Familie von Schauenburg erst später auftritt und in der Urkunde dergleichen nicht erwähnt wird.

Der erste dieses den Dienstmannen der Schenken von Limpurg zuzurechnenden Geschlechts, Heinrich von Schauenburg, wird 1314 als Ehemann der Margarethe von Bebenburg und Empfänger ihres Heiratsguts erwähnt. Ein weiterer, 1343 erstmals genannter Heinrich von Schauenburg war mit der Haller Stadtadelsfamilie der Philips verschwägert. Unter den Besitzungen in Hall und Umgebung sind keine Güter in Unterlimpurg erwähnt, doch weisen die Grabsteine des Rudolf von Schauenburg von 1366 und ein um 1390 durch die Familie gestiftetes Fresko „Maria mit dem Spinnrocken“ in der Urbanskirche auf eine Beziehung der Familie nach Unterlimpurg hin. Unterstützt wird die Vermutung durch den Bericht einer Chronik-Handschrift von etwa 1600 (4/4a, Bl. 6R), in der es abweichend von den Originaltexten Widmans und Herolts heißt, die Stiftung des Pfarrhauses sei durch eben diesen Rudolf von Schauenburg erfolgt. Ein weiterer Vertreter der Familie ist der 1390 erstmals erwähnte Friedrich von Schauenburg. Er war Haller Bürger und hatte 1407/08 sowie 1411 bis 1413 und 1415 das Amt des Reichsschultheißen inne. Danach ist der Name in Schwäbisch Hall nicht mehr nachweisbar. Angeblich ist die Familie 1553 mit Rudolf von Schauenburg ausgestorben (OAB Hall, S. 150), es handelt sich hier aber offenbar um einen Lesefehler, der auf der (falschen) chronikalischen Überlieferung beruht, der in der Urbanskirche begrabene Rudolf von Schauenburg sei 1353 gestorben.

Die Datierung der „Schauenburg“ durch Eduard Krüger auf „um 1250 bis 1300“ beruht wohl auf der von Widman und Herolt behaupteten Stiftung als Pfarrhaus 1283, für die aber, wie erwähnt, ein urkundlicher Beleg fehlt. Ein Zusammenhang mit dem 1366 gestorbenen Rudolf von Schauenburg scheint plausibler.  Doch auch hier gilt zu bedenken, dass die Chronisten vom Hörensagen über mindestens 200 Jahre zurückliegende Geschehnisse berichteten. Die Baubefunde (anhand von Fotos und Plänen) deuten auf ein späteres Entstehen und sprechen damit auch gegen den Zusammenhang mit der kurz nach 1400 aus der urkundlichen Überlieferung verschwundenen Familie. Das Fachwerk des Hauses Nr. 62 stammte etwa aus den Jahren 1450 bis 1500. Dieses Gebäude besaß auch eine Unterkellerung. Das - nicht unterkellerte - Haus Nr. 64 wies in seiner Südwand ein auf 1582 datiertes Rundbogenportal auf. Um 1700 (E. Krüger) erhielt dieses Gebäude einen neuen, zweistöckigen Fachwerkaufsatz, aus dieser Zeit datieren wohl auch bemalte Holzdecken im Erdgeschoss und Bretterdecken in den Obergeschossen mit profilierten Holzstäben. Es könnte sich z.B. ursprünglich um eine Scheune gehandelt haben, die durch die spätere Aufstockung in ein Wohnhaus umgewandelt wurde. 

Die ältesten bildlichen Darstellungen stammen aus einer Reihe Haller Chroniken, die alle um 1600 entstanden sind und sich bei Abweichungen im Detail gleichen. Sie zeigen ein von einer Mauer umgebenes Steinhaus mit einem einstöckigen Fachwerkaufsatz, teilweise mit einem links anschließenden Turm, teilweise mit einem Flügel, der unschwer als das spätere Haus Nr. 64 zu identifizieren ist (HV HS 72, Bl. 8V). Es handelte sich in jedem Fall nicht um eine „Burg“ im Wortsinn, sondern um einen Wohnturm bzw. ein Steinhaus wie die Keckenburg (Untere Herrngasse 10), das Zollhaus Brestenfels (Unterlimpurger Straße 13) oder das „Hohe Haus“ (Unterlimpurger Straße 81).  Die relativ aufwendige Bauweise des Anwesens beweist nicht, dass es sich um einen Adelssitz gehandelt hat, es könnte sich auch der Sitz eines Limpurgischen Verwalters oder Vogts gewesen sein. Die vielleicht plausibelste Erklärung ist, dass es sich von Anfang an um ein Pfarrhaus handelte - dies um so mehr, als auch die Urbanskirche im fraglichen Zeitraum um 1450 durch Schenk Friedrich V. von Limpurg und seine Frau Susanna von Tierstein erweitert und mit einem wertvollen niederländischen Hochaltar (um 1460) ausgestattet wurde.

Die Widersprüche zwischen den Chronisten, den urkundlichen Nennungen und den Baubefunden können vielleicht so aufgelöst werden, dass um 1450 durch die Schenken oder einen ihrer Gefolgsleute ein Pfarrhaus für die erweiterte Urbanskirche gestiftet wurde, das entweder am Standort eines früheren Hauses der Familie von Schauenburg errichtet wurde oder Teile eines solchen einbezog - der Steinsockel des späteren Hauses Nr. 62 kann durchals älter als der Fachwerkaufsatz gewesen sein. Dies würde auch erklären, wie die von Widman und Herolt erzählte Geschichte entstanden ist. Aus der Stiftung eines früheren Hauses der Schauenburger wäre dann eine Stiftung der Schauenburger geworden. Es muss aber betont werden, dass es sich hier um eine reine Hypothese handelt, für die es nach derzeitigem Stand weder archivalische noch baugeschichtliche  Belege gibt.

Fasst man alle Hinweise zusammen, so scheint es am plausibelsten, dass das spätere Haus Nr. 62 als ältester Teil des Komplexes in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtet wurde. Dies passt zu einem in Ansätzen erkennbaren Ausbau Unterlimpurgs im 15. Jahrhundert, zu dem u.a. die bereits erwähnte Erweiterung der Urbanskirche passt. Das spätere Haus Nr. 64 kam als Anbau hinzu (dafür spricht z.B. der fehlende Keller und die fehlende Wand zu Nr. 62), der spätestens 1582 errichtet wurde.

Auch wenn die Entstehungsgeschichte der „Schauenburg“ letztendlich offen bleiben muss, so kann doch angenommen werden, dass sie, wie Widman und Herolt berichten, bis in das 16. Jahrhundert hinein als Pfarrhaus diente. Die spätere Besitz- und Nutzungsgeschichte der beiden in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts im Besitz der Haller „Schutzjuden“ Nathan David und Samuel Wolf Levi befindlichen Gebäude harrt noch einer genaueren Erforschung. Während Nr. 64 als landwirtschaftliches Anwesen diente, wohnten in Nr. 62 Taglöhner, Arbeiter und Handwerker. Die in den Besitz des Hospitals gekommenen Häuser verwendete man zuletzt als Sozialwohnungen.

Die Abbrüche 1955 (Nr. 64) und 1964 (Nr. 62) können mit der maroden Bausubstanz erklärt werden, müssen aber aus heutiger Sicht als besonders bedauerlicher Verlust eines bedeutenden Unterlimpurger Baudenkmals gelten. 

D. Stihler

Besonderheiten

Der Neubau von 2006 überdeckt auch den Hausplatz Unterlimpurger Straße 64.

Quellen

Archivalien:

  • StadtA SHA 4/4a (Haller Chronik um 1600), Bl. 6R; 27/316 (Bauakten 1872-2004)

Literatur:

  • C. Kolb (Bearb.): Herolts Chronica (Württembergische Geschichtsquellen; Bd. 1) Stuttgart 1894, S. 69, 104
  • C. Kolb (Bearb.): Widmans Chronica (Württembergische Geschichtsquellen; Bd. 6) Stuttgart 1904, S. 61f
  • E. Krüger: Ein altes Bauwerk wird abgebrochen, in: Haller Tagblatt v. 25.01.1955
  • A. Maisch: Mayer Seligmann, Judt zu Unterlimpurg. Juden in Schwäbisch Hall und Steinbach 1688-1802 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Hall; H. 14), Schwäbisch Hall 2001; S. 133ff
  • F. Pietsch (Bearb.): Die Urkunden des Archivs der Reichsstadt Schwäbisch Hall, 2 Bde. (Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg; Bd. 21-22), Stuttgart (Kohlhammer) 1967 u. 1972, U 71, 189, 295, 402, 888, 938, 954, 1047, 1269 u.a. (zahlr. Urk. als Schultheiß)
  • K. Ulshöfer (Bearb.): Regesten der Urkunden des Hospitals zum Heiligen Geist in der Reichsstadt Hall bis 1480 (Forschungen aus Württembergisch Franken; Bd. 24), Sigmaringen 1998, U 142, 199, 420

Pläne und Ansichten vor 1827:

  • StadtA SHA StadtA SHA HV HS 74, Bl. 35 (um 1600, Ausschnitt)
  • StadtA SHA StadtA SHA 4/4, Bl. 10V (um 1600, Ausschnitt)
  • StadtA SHA StadtA SHA 4/4a, Bl. 6R (um 1600, Ausschnitt)