Gebäudeverzeichnis

Comburg 5 - Alte und Neue Dekanei mit romanischem Torbau und Michaelskapelle

Adresse: Comburg 5
Primärkatasternummer: 205 (alt 5)
Besitzer
Kameralamt Hall


Besitzerliste

1830 (Primärkataster): das Kameralamt Hall für den Staat (die Kgl. Kriegskassenverwaltung zur Benutzung)

Befunde aus Bauforschung

romanische Toranlage

Im Bereich des heutigen Torbaus wird eine Toranlage der Grafenburg vermutet, die dem Kloster vorausging. Ein an die Südseite des Torbaus anstoßender, archäologisch nachgewiesener Mauerzug könnte ein Rest der Ringmauer der Burg sein. Die romanische Toranlage wurde spätestens zu Beginn des 12. Jahrhunderts erbaut. Die Südseite (Außenseite) gliedern die Zwerggalerie mit ihren Arkaden und zwei auf Löwen ruhende Pilaster. Im Feld zwischen diesen befand sich eine nicht erhaltene Freskomalerei, die den thronenden Christus zwischen zwei Heiligen zeigte. Die 1325 erstmals urkundlich erwähnte Michaelskapelle im Obergeschoss des Torbaus mit ihren beiden Türmchen wurde früher als Ergänzung des 14. Jahrhunderts gesehen, neueren Forschungen zufolge gehört sie zum ursprünglichen Bestand des Torbaus. Dieser stand wohl bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts weitgehend frei, was zu statischen Problemen führte und den Bau eines Strebepfeilers  (14. Jahrhundert) an der Nordostecke veranlasste. Da das Bodenniveau auf der Außenseite des Tores etwa 1,5 m höher lag als heute, erfolgte die Durchfahrt durch den Torbogen ursprünglich ohne Steigung . Die mittelalterliche Umfassungsmauer lief unmittelbar vom Torbau aus nach Nordwesten. Zur Zeit des Abts Ernfried I. von Vellberg (amt. 1402-1421) erfolgte eine Erneuerung der Michaelskapelle (neues Dachwerk) und die Einbindung des Tors in die neue, nach Norden verschobene Ringmauer. Große bauliche Veränderungen fanden in der Zeit Erasmus Neustetters (1523-1594) statt, der ab 1551 als Dechant und ab 1583 als Propst des Ritterstifts amtierte. Im Zuge der von Neustetter veranlassten Bauarbeiten erfolgte der Neubau einer östlich vor den romanischen Bau gesetzten, inschriftlich auf 1575 datierte Toranlage. Sie ersetzte offenbar eine älteres Vortor aus dem 15. Jahrhundert. Umfangreiche Geländeaufschüttungen zwischen dem Torbau und der Stiftskirche schufen eine Terasse, die einen ebenerdigen Zugang zur Michaelskapelle und der Galerie ermöglichten. Die Durchfahrt durch das romanische Tor wurde nach Osten hin abgesenkt, um es besser befahrbar zu machen, die Westwand des Torbaus erhielt einen inschriftlich auf 1588 datierten, neuen Torbogen. Unmittelbar nördlich an dem romanischen Torbau anstoßend enstand die Alte Dekanei (1573). Erasmus Neustetter nutzte die von seinen dortigen Räumen aus direkt zugängliche Michaelskapelle als Hauskapelle und ließ dort Freskomalereien anbringen. Reste haben sich zusammen mit Spuren mittelalterlicher Ausmalungen erhalten. Die heutigen, barocken Fensteröffnungen der Michaelskapelle stammen aus dem 18. Jahrhundert. Weitere, kleinere Umbauten und Erneuerungen fanden im 19. und 20. Jahrhundert statt.

Alte Dekanei

Die alte Dekanei wurde zur Zeit des Dekans Erasmus Neustetter (1551-1594 Dekan, ab 1583 auch Propst) unter Einbeziehung älterer Mauern errichtet  und ist inschriftlich auf 1573 datiert. Die hofseitige (südwestliche) Außenmauer folgt dem Verlauf der mittelalterlichen Ummauerung des Klosterbezirks, die nordöstliche Außenmauer sitzt auf einer spätmittelalterlichen Erweiterung der Ringmauer aus der Zeit des ersten Propsts Seifried vom Holtz (im Amt 1488-1504) auf. Der hier befindliche Turm dürfte ebenfalls dieser Zeit entstammen. In dem zur Dekanei geöffneten obersten Turmgeschoss entstand ein Turmzimmer mit einem gotischen Sterngewölbe sowie Malereien, die wohl aus der Zeit des Dekans Franz Ludwig Wilhelm Faust von Stromberg (amtierend 1640-1673) stammen. Im Obergeschuss des Gebäudes befanden sich die Räume des Dekans, der für die Verwaltung des Ritterstifts zuständig war. Ein neuer Kapitelsaal löste den älteren in der "Alten Abtei" ab, der nicht beheizbar war. Den westlichen, etwas zurückgesetzten Gebäudeteil baute man erst 1637. Der kurzzeitig (1807-1809/10) auf der Comburg residierende Prinz Paul von Württemberg (1785-1852) bewohnte mit seiner Familie zwar die benachbarte Neue Dekanei, nutzte aber auch einige der Räume in der Alten Dekanei. Ab 1995 wurde das zuvor jahrzehntelang leerstehende und stark geschädigte Gebäude grundlegend saniert. Im Erd- und Zwischengeschoss entstand ein kleines Café mit angeschlossenem Museumsbereich, im Obergeschoss Büro- und Seminarräume.

Der Dekan oder Dechant war der zweithöchste Würdenträger des Stifts nach dem Propst. Da sich dieser meist nicht auf der Comburg aufhielt, sondern in Würzburg residierte, führte er die Geschäfte des Stifts. DIe theoretisch bestehende Residenzpfllicht der Dekane dürfte angesichts der vor allem für das 17. und 18. Jahrhundert typische Ämteranhäufung geistlicher Würdenträger in der Praxis oft nicht umgesetzt worden sein. 

Neue Dekanei

Die Neue Dekanei entstand 1732 bis 1737 in der Amtszeit des Dekans Wilhelm Ulrich von Guttenberg (1695-1736) und wurde durch den Maurermeister und Steinhauer Christoph Metzler aus Amorbach errichtet. Der Entwurf stammt (so Fritz Arens) vermutlich von dem kurmainzischen Baumeister Anselm Franz Freiherr von Ritter zu Groenesteyn (1692-1765). Das Gebäude blieb unvollendet, vielleicht eine Folge des Tods von Dekan von Guttenberg im Jahr 1736. Errichtet wurden nur der Mittelrisalit und ein Westflügel, für den Ostflügel wäre die Alte Dekanei abgebrochen würden. Der "unvollendete" Charakter des Gebäudes ist gut am Übergang zur Alten Dekanei zu sehen, wo die gezahnten Ansätze für die Außenmauer des nicht gebauten Teils deutlich zu erkennen sind. Im Obergeschoss haben sich der Festsaal und in angrenzenden Räumen die Reste barocker Stuckdecken erhalten. Als König Friedrich I. von Württemberg die Comburg 1807 seinem Sohn Prinz Paul von Württemberg (1785-1852) und dessen Ehefrau Charlotte von Sachsen-Hildburghausen (1787-1847) als Residenz zuwies, richtete das Paar sich in der Neuen Dekanei ein, wo man die "Beletage" (1. Stock) nutzte. Im Erdgeschoss war das Personal untergebacht. Prinz Paul nutzte auch einige Räume der Alten Dekanei.  Weitere Bedienstete und Höflinge wohnten in den anderen Gebäuden der Comburg. Diese Zeit endete bereits 1809/10 mit dem Wegzug des Prinzenpaares nach Stuttgart.

Beschreibungen

1830 (Primärkataster): die alte und neue Dechaney mit 2/8 Morgen und 25,4 Ruthen

Comburg 1, 2, 4, 5, 6, 7, 7/1, 7/2, 8, 8/1, 9, 9/1, 10, 11, 12, 13, 15, 16, 17, Großcomburger Weg 8 (Flst.Nr. 2-112, 2-114, 2-116, 2-118, 2-123/1, 2-130, 2-134/1, 2-134/2, 2-168, 2-433, 2-433/1, 2-433/2, 2-433/3, 2-433/4, 2-433/5, 2-433/6, 2-433/7, 2-433/8, 2-433/9, 2-433/10, 2-433/11, 2-433/12, 2-433/13, 2-434, 2-434/1, 2-434/2, 2-434/3, 2-434/4, 2-434/5, 2-434/6, 2-434/7, 2-434/8, 2-434/9, 2-434/10, 2-434/11, 2-435, 2-435/1, 2-435/2, 2-435/3, 2-435/4, 2-436, 2-436/1, 2-436/2, 2-436/3, 2-436/4, 2-437, 2-437/2, 2-439, 2-439/1, 2-439/3, 2-439/4, 2-440, 2-440/1, 2-441-443) Sog. Große Comburg mit ehem. Fruchtkasten (Großcomburger Weg 8), bez. 1705 (Sachgesamtheit). § 28 (aus: Liste der Kulturdenkmale in Baden-Württemberg, Stadt Schwäbisch Hall, Stand 13.11.2013)

Zur Geschichte und Baugeschichte der Comburg insgesamt siehe Comburg 12 (Stiftskirche St. Nikolaus) unter „Beschreibungen“, zu den Befestigungen Comburg 14-18 (Ringmauer mit Wehrgang) unter „Befunde aus Bauforschung“.

Besonderheiten

Bei der Anlage des Primärkatasters 1830 erhielten die Gebäude der Comburg eine separate, mit 1 beginnende Nummerierung. Um Verwechslungen zu vermeiden, wurden hier die späteren Nummern verwendet.

 „Neue Dekanei“ der Comburg als Standort der 1926 gegründeten Heimvolkshochschule

Die Initiative zur Gründung der „Heimvolkshochschule Comburg“ ging von dem späteren württembergischen Kultminister Theodor Bäuerle aus, damals Direktor des „Vereins zur Förderung der Volksbildung“. Es handelte sich um die erste Einrichtung dieser Art in Württemberg, die einzige, die sich speziell der Arbeiterbildung verschrieben hatte und der Reformpädagogik der 1920er Jahre verpflichtet war. Am 26. Oktober 1926 konnte die in der „Neuen Dekanei“ untergebrachte Einrichtung in einem Festakt eingeweiht werden. Neben der gezielten Ansprache der Arbeiterschicht war auch das pädagogische Konzept eine Neuerung. Statt frontaler Vorträge sollten Arbeitsgemeinschaften die zentrale Rolle bei der Vermittlung von Wissen einnehmen; statt Faktenwissen wollte man Problemlösungskompetenz vermitteln. Die ersten, vierwöchigen Kurse wurden ausschließlich von Arbeitslosen besucht, denen keine bzw. nur marginale Kosten entstanden. Sie richteten sich anfangs an Metallarbeiter, später auch an Schreiner und Kaufleute. Neben berufsfachlichen Themen beschäftigte man sich mit Fragen der Volkswirtschafts- und Staatskunde, „Streitfragen des heutigen Lebens“, Rhetorik oder Bildender Kunst. An der Spitze der Heimvolkshochschule stand Dr. Karl Küssner, der sich nach einem Theologiestudium für die soziale Arbeit entschieden und mit den Volksbildungseinrichtungen Skandinaviens und Großbritanniens beschäftigt hatte. Neben zwei weiteren fest angestellten Lehrern unterrichteten zahlreiche freie Lehrkräfte. Die Einrichtung fand großen Anklang und expandierte sowohl bei den Teilnehmerplätzen als auch räumlich.

An die Heimvolkshochschule angelehnt war die Ausbildung von Leitern des 1931 durch eine Verordnung der Reichsregierung Brüning eingeführten „Freiwilligen Arbeitsdiensts“. In Württemberg hatte Bäuerle das „Heimatwerk“ als Träger dieses Diensts gegründet, der vor allem Hilfe für junge Arbeitslosen anbot.

Die Heimvolkshochschule fand bei ihrer Zielgruppe großen Anklang und wurde beim nationalen und internationalen Fachpublikum als als vorbildlich wahrgenommen. Allerdings gab es auch massive Angriffe aus rechten Kreisen, von sie als „kommunistische Kaderschmiede“ verleumdet wurde. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung von 1933 wurde Schulleiter Küssner zum Ziel der Intrigen lokaler NS-Funktionäre und musste seinen Posten im März 1934 räumen. 1936 erfolgte die formale Auflösung der Heimvolkshochschule. Die Comburg wurde mittlerweile als Schulungsort für die NSDAP und ihre Untergliederungen genutzt, insbesondere durch die „Hitlerjugend“, die hier zwei Heime betrieb.

Eine Nachfolgeeinrichtung war die 1937 eingerichtete „Bauhandwerkerschule“. Die Stadt Schwäbisch Hall mietete Räume an, stellte das zuvor dem württembergischen Staat abgekaufte Inventar der Heimvolkshochschule zur Verfügung und beteiligte sich an den Kosten für die Lehrkräfte. Angeboten wurden zehn- bis zwölfwöchigen Kursen für angehende Maurer, Steinmetze und Bildhauer. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Schulbetrieb zunehmend eingeschränkt. Hinweise auf eine Weiterführung der Schule über 1943 hinaus fehlen. Die Comburg diente mittlerweile vor allem als Standort von Dienststellen der Wehrmacht und der Luftwafffe sowie als Lager für Kriegsgefangene (nach Daniel Stihler: Comburg im 19. und 20. Jahrhundert).

Quellen

Literatur:

  • Fritz Arens: Die Comburg bei Schwäbisch Hall, Königstein o.J. [um 1988], S. 11
  • Michael Greiner, Dirk Vogt-Merz, Gabriele Kleiber, Hans-Reiner Soppa: Die Comburgen bei Schwäbisch Hall, Stuttgart 2010, S. 68ff [zu Restaurierungsarbeiten]
  • Gabriele Kleiber: Groß- und Kleincomburg (Führer Staatliche Schlösser und Gärten), München; Berlin 1999, S. 47f.
  • Ulrich Knapp: Von der Grafenburg zur Königlich Württembergischen Kaserne. Die Befestigungsanlagen der Comburg, in: Klaus Gereon Beuckers (Hrsg.): Kloster Großcomburg. Neue Forschungen. Hrsg. von Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Regensburg 2019, S. 369-468
  • Daniel Stihler: Die Comburg im 19. und 20. Jahrhundert, in: Günter Albrecht: Die Bildersteige von Steinbach zur Comburg, in: Günter Albrecht, Andreas Maisch, Reinhard Schuster, Daniel Stihler (Hrsgg.): Steinbach. Geschichte eines Dorfs am Fuße der Comburg (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Hall; Heft 34); Schwäbisch Hall 2020, S. 548-554

Archivalien:     

  • Landratsamt Schwäbisch Hall, Vermessungsamt, Primärkataster für Steinbach (Kopie im Stadtarchiv Schwäbisch Hall, Signatur S01/1559)